Säure-Basen Haushalt- warum du keine Entschlackungskur brauchst!

Säure Basen Haushalt - was ist dran

Gerade jetzt zu Jahresbeginn beschäftigen sich wieder mehr Menschen mit ihrem Körper und dem Thema Gesundheit. Für viele bedeutet das erstmal eine „Entschlackungskur“ oder Basenfasten zu machen um den Säure- Basen Haushalt wieder ins Lot zu bringen. Doch was bedeutet das genau? Brauchen wir denn tatsächlich Entschlackungskuren und Basenfasten, existiert der Säure Basen Haushalt überhaupt oder ist das vielleicht alles Quatsch? Ich erkläre euch worauf es ankommt.

Was ist der Säure- Basen Haushalt und was macht er?

Der Säure- Basen Haushalt ist ein wichtiges Regulationssystem in unserem Körper und ist von zentraler Bedeutung für die Funktion und Regulierung von Proteinen, Zellen und Membranen. Er ist somit maßgeblich für den physiologischen Ablauf unserer Stoffwechselprozesse verantwortlich. Im genaueren Sinn geht es um die Konzentration und Regulation von Wasserstoffionen (H+). Die sich anhand des pH-Wertes ermitteln lassen. Desweiteren spielt der Partialdruck von CO2 (pCO2), die Hydrogencarbonatkonzentration (HCO3), sowie Basenabweichungen eine Rolle. Diese Parameter können über eine Blutanalyse ermittelt werden. Um dieses komplexe Regulationssystem im Gleichgewicht zu halten verfügt unser Körper über verschiedene Puffersysteme und Organe wie die Lunge, Niere und Leber, die dabei helfen überschüssige Säuren/ Basen auszuscheiden und zu verstoffwechseln.

Wie entstehen eigentlich Säuren und kann unser Körper tatsächlich übersäuern?

Säuren, ebenso wie Basen entstehen jeden Tag in unserem Körper und sind Teil des natürlichen Stoffwechsels. Sie können auch aus Nahrungsmitteln die wir essen metabolisiert werden. Nicht alles was sauer schmeckt wird auch sauer verstoffwechselt. Bspw. Zitronen schmecken zwar sauer, werden aber basisch verstoffwechselt. Außerdem sind nicht alle Säuren schlecht. Säuren sind sogar wichtig, denn nicht jedes Körperteil von uns sollte basisch sein. 

So hat bspw. der Magen einen pH- Wert von 1-2 (extrem sauer), damit er Eiweiße und Nahrungsbestandteile ausreichend aufspalten und unerwünschte Bakterien vernichten kann. Der Darm sollte ebenfalls leicht säuerlich sein bei einem pH-Wert von 6-6,5 damit sich die gesunden Milchsäurebakterien dort heimisch fühlen. Auch unsere Haut besitzt einen natürlichen Säureschutzmantel um uns vor schädlichen Einflüssen zu schützen und hat deshalb einen pH-Wert von 4,5-5,5. Lediglich der Pankreassaft ist extrem basisch (pH-Wert 8-9), um den sauren Magensaft der in den Dünndarm gelangt zu neutralisieren. Unser Blut, sowie gesundes Gewebe sind im leicht basischen Bereich bei pH-Wert 7,4 angesiedelt. Im Urin dagegen kann der pH-Wert sehr schwanken, da er stark von dem abhängt was wir zuvor gegessen haben und liegt meist zwischen 5-7.

Eine Übersäuerung in Form einer latenten Azidose (chronischen Übersäuerung des Blutes) wie sie gerne im naturheilkundlichen Bereich prophezeit wird, ist bei gesunden Menschen nicht zu erwarten, da bereits kleinste Veränderungen des Plasma pH-Wertes außerhalb des Normbereichs zu lebensbedrohlichen Situationen führen können und dann auf der Intensivstation behandelt werden müssen! Durch die Ernährung ist das nicht möglich, jedoch kann eine metabolische Azidose aufgrund einer Erkrankung entstehen, die hauptsächlich aus einem Hydrogencarbonat Defizit im Plasma hervorgeht. Bspw. Diabetes Mellitus und chronische Niereninsuffizienz, aber auch eine Alkoholsucht, längeres Hungern/ Fasten, Vergiftungen durch Methanol, Ethylenglycol und Salicylate sowie intensive körperliche Aktivität (bsp. Marathon laufen mit hohem Schweißverlust) können unter Umständen eine metabolische Azidose verursachen.

Ist eine säurelastige Ernährung also zu empfehlen?

Nein, denn eine säurelastige Ernährung würde bedeuten, viele vor allem tierische Produkte wie Fleisch, Wurst, Käse, Fisch, Eier & Co bevorzugt zu konsumieren, was gesundheitlich als auch aus Klimagründen definitiv nicht zu empfehlen ist. Ein Übermaß an diesen Nahrungsmitteln kann zu verschiedenen Krankheiten maßgeblich beitragen, bzw. sie fördern oder verschlimmern, was aber nicht nur auf den Säure Basen Haushalt, sondern auf viele weitere Faktoren zurück zu führen ist.

Dazu zählen bspw. Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Atherosklerose, Bluthochdruck, Schlaganfall, sowie Diabetes Typ 2, Krebs, Gicht, Rheuma uvm. Im Zusammenhang mit Gicht, entzündlichen Erkrankungen und Nierensteinen spielt die Harnsäure allerdings eine tragende Rolle. Harnsäure ist das Abbauprodukt des Purin Stoffwechsels, welche über die Nieren aus dem Blut gefiltert und mit dem Urin ausgeschieden wird. Purine sind in hohen Mengen in tierischen proteinreichen Lebensmitteln, aber auch in pflanzlichen zu finden. Außerdem kann Fruktose den Harnsäurespiegel zusätzlich erhöhen. Genauso wie Medikamente und Alkohol!

Zum besseren Verständnis: Purine sind Bestandteil unserer DNS/ DNA (Nukleinsäuren) und dienen als Speicher der Erbinformation. Purine können vom Körper selber gebildet, aber auch mit der Nahrung zugeführt werden. Soweit also erstmal nichts Schlimmes.

Das kann sich jedoch schnell ändern, nämlich dann, wenn der Körper die Harnsäure nicht mehr richtig ausscheiden kann bzw. einfach Zuviel davon vorhanden ist. Das erhöht den Harnsäurewert im Blut und führt zur Bildung von nadelförmigen Kristallen, die sich bevorzugt in den Gelenken und Extremitäten ablagern und dort Entzündungsprozesse hervorrufen. 

Lange Zeit dachte man das proteinreiche pflanzliche Kost sich ebenso schädlich auswirkt wie die tierische Variante, das ist jedoch nicht der Fall. Auch wenn pflanzliche Lebensmittel wie Nüsse, Hülsenfrüchte, Pilze, Haferflocken & Co reich an Purinen sind, haben sie nicht die gleiche Wirkung auf den Organismus. Im Gegenteil, durch ihren großen Anteil an wichtigen Ballaststoffen, Vitaminen und Mineralien tragen sie zu einer gesunden Nierenfunktion bei. 

Kann man denn auch zu basisch sein?

Ja, auch das ist möglich und leider ebenso wenig vorteilhaft. Wie wir nun wissen braucht unser Körper ein gewisses Gleichgewicht und in manchen Bereichen ein saures Milieu um seinen Job gut zu machen. Wird der Magensaft bspw. zu basisch (alkalisch), können Nährstoffe nicht mehr richtig aus ihrer Lebensmittelmatrix gelöst bzw. verdaut werden und gehen verloren. So kann schnell ein Defizit entstehen. Besonders bei Calcium, Magnesium und Vitamin B12 kann das problematisch werden.

Auch schädliche Bakterien gelangen so ungehindert in den Darm und können dort Darmbeschwerden verursachen, da die Magensäure sie nicht mehr unschädlich machen kann. Das ist vor allem dann der Fall, wenn Natron (Natriumhydrogencarbonat) oder Backpulver (Natriumbikarbonat), was jeder als Hausmittel gegen Sodbrennen kennt, eingenommen wird. Es wirkt zwar rasch gegen Sodbrennen, hebt aber den pH- Wert zu stark an. Was folgt ist ein „Rebound Effekt“, denn unser Körper möchte sicherstellen das der pH- Wert der Magensäure sich nicht verändert und fängt stattdessen an noch mehr Magensäure zu produzieren. Ein Teufelskreis! Auch bei Protonenpumpenhemmern (Säureblockern) wie Omeprazol/ Pantoprazol und bestimmten Basenpulvern ist das der Fall.

TIPP: Besser eignet sich bei akutem Sodbrennen, das schluckweise Trinken von Kartoffelsaft, Kräutertee (kein Pfefferminztee!)  oder stillem Mineralwasser. Das kauen von Kaugummi kann ebenfalls Vorteilhaft sein, weil es den Speichelfluss anregt und somit die Magensäure verdünnt. Stärkehaltige Lebensmittel wie bspw. Bananen sind in der Lage Magensäure zu binden, ohne den Magen zu stark zu alkalisieren.

Brauchen wir also Entschlackungskuren, Basenfasten & Co für einen gesunden Säure Basen Haushalt?

Hier lautet die Antwort ganz klar NEIN! Für einen gesunden Säure Basen Stoffwechsel benötigen wir definitiv keine „Entschlackungskuren“, Basenfasten, Pülverchen & Co. Viele dieser Aussagen die dort getätigt werden basieren auf veralteten Vorstellungen wie sie Ende des 19. Jahrhunderts vorherrschend waren. So weiß man heute, dass Basenfasten mit dem Grundprinzip der Trennkost von Protein- und kohlenhydratreichen Lebensmitteln in einer Mahlzeit kontraproduktiv ist, da dadurch die optimale Ergänzung verschiedener Inhaltsstoffe verhindert wird. Sie können ohne Probleme gleichzeitig verdaut werden und bilden auch keine sogenannten „Schlacken“. Diese Aussagen sind wissenschaftlich nicht begründbar. Nicht verwertbare Endprodukte werden im Körper unter physiologischen Bedingungen nämlich nicht angehäuft, sondern über die Nieren, Darm und Atemluft ausgeschieden.

Fasten kann zudem, aufgrund der Ketonkörperbildung, zu einer Hemmung der renalen Harnsäureausscheidung führen und somit zu einer erhöhten Harnsäurekonzentration im Blut beitragen. Dadurch steigt das Risiko eines akuten Gichtanfalls und die Bildung von Harnsäuresteinen.

Auch das Abführen mit Glaubersalz bzw. Darmreinigungen sind überflüssig, da diese Methoden veraltet sind und aus einer Zeit stammen, als man noch dachte, dass der Darm eine Art Abflussrohr sei. Heute weiß man das der Darm ein komplexes Ökosystem ist und das Abführen die Darmflora sogar nachhaltig schädigen kann, da nicht nur die schlechten, sondern vor allem auch die guten Darmbakterien weggespült werden. Diese brauchen in der Regel aber länger um sich wieder anzusiedeln.  Die Darmflora lässt sich außerdem sehr schnell von dem beeinflussen was wir essen und kann somit ganz einfach durch eine gesunde, ballaststoffreiche und pflanzenbasierte Ernährung positiv aufgebaut werden.

Fazit

Ja es gibt den Säure Basen Haushalt und er ist ein wichtiges Regulationssystem in unserem Körper. Erhöhte Harnsäurewerte sind nicht gleichzusetzen mit einer Übersäuerung des Blutes und einer Verschiebung des pH- Wertes. Eine stark säurelastige Ernährung ist trotzdem nicht gesund, was sich aber nicht alleine auf den Säure Basen Haushalt runterbrechen lässt, sondern von vielen weiteren Faktoren bestimmt wird.

Wer seinem Säure Basen Haushalt etwas Gutes tun möchte sollte auf eine abwechslungsreiche Ernährung mit viel Obst und Gemüse, Vollkornprodukten und nur wenig tierischen Lebensmitteln zurückgreifen. Stattdessen darf bei den pflanzlichen Proteinen ordentlich zugelangt werden. Eine vollwertige vegane Ernährung ist ebenfalls möglich. Wer sich gerne einen Kräutertee mehrmals am Tag machen möchte, um die Nieren zu unterstützen ist das auch kein Problem. Unnötige und kostenintensive Kuren mit leeren, unseriösen Versprechungen kann man sich dagegen getrost sparen. Wer gesundheitliche Probleme hat sollte diese individuell abklären lassen und nicht wahllos etwas konsumieren, was im schlimmsten Fall vielleicht das Problem sogar verschlimmern kann.

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Quellen:

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Andrian Forster, Andreas Krebs; Schweizer Zeitschrift für Ernährungsmedizin zum Thema Entzündliche Rheumatische Erkrankungen und Ernährung, Ausgabe 1/2013 PDF https://www.rosenfluh.ch/media/ernaehrungsmedizin/2013/01/Gicht__die_traditionelle_purinarme_Diat_ist_out.pdf

Jonas Esche, The Journal of Nutrition 2018, Dietary Potencial Renal Acid Load is positively associated with Serum Uric Acid and Odds of Hyperuricemia in the German Adult Population https://academic.oup.com/jn/article/148/1/49/4823696

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Anette Thomas, PTA Heute Fachzeitschrift , Wissen am HV-Sodbrennen, 2020 https://www.ptaheute.de/news/spezial/wissen-am-hv/sodbrennen/hausmittel-bei-sodbrennen-veraltet-oder-immer-noch-aktuell/#:~:text=Natriumhydrogencarbonat%20neutralisiert%20die%20Magens%C3%A4ure%20und,den%20pH-Wert%2

James L. Lewis, III , MD, Brookwood Baptist Health and Saint Vincent’s Ascension Health, Birmingham, MSD Manual- Ausgabe für Patienten, 2020

https://www.msdmanuals.com/de-de/heim/hormon-und-stoffwechselerkrankungen/s%C3%A4ure-basen-haushalt/alkalose

Prof. Dr. Michaela Axt- Gadermann, Gesund mit Darm, Darmsanierung schädigt die Darmflora nachhaltig, 2021https://schlank-mit-darm.de/darmreinigung-schaedigt-die-darmflora-nachhaltig/

Frei P, Rogler G (2017) Darm-Detoxifikation: Mythos oder sinnvolle Therapie? Schweiz Z Ganzheitsmed 29:141-143 https://www.karger.com/Article/FullText/47558

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